Nach geschlagenen 20 Minuten langen Warten wird plötzlich die Tür aufgerissen und jemand, der durchaus Ähnlichkeit mit Alex hat, kommt herein gestürmt. Mir bleibt gar keine Zeit ihm tief in die Augen zu sehen. Die Herzchen, die bereits ohnmächtig am Boden liegen, betreten jetzt das Koma-Stadium. Mein Date kommt geradewegs auf mich zu gerannt. Seine Haare stehen in alle Richtungen ab und kleine Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Er sieht verzweifelt aus. Er stammelt etwas von Zug verpasst und gefährliches Glatteis, wie er es hasst, zu spät zu kommen und wie er sich freuen würde, mich zu sehen. Erleichtert lässt er sich auf den Stuhl neben mir plumpsen. Ich schaue ihn an und überlege. Habe ich mich verliebt? Nein. Gefällt er mir? Ja, ich glaube schon. Er hat recht helles Haar. Nicht zu kurz und nicht zu lang. Schön und voll, so wie es mir gefällt. Auf seiner leicht schiefen Nase sind einige wenige Sommersprossen. Seine Lippen sind schmal und seine Augen leuchtend blau. Er sieht wirklich interessant aus. Es ist nicht eines dieser schönen Gesichter, die so symmetrisch sind, dass sie fast schon wieder langweilig wirken. Mein Blick wandert. Ich sehe einfaches Longsleeve, Jeans und Chucks. Nichts besonderes, aber schick. Schließlich kann man allein schon bei der Auwahl der Jeans viel falsch machen. Ich erinnere mich nur an diesen fürchterlichen Trend der *halb Jeans – halb Cordhose – Hose*, den viel zu viele Männer mitgemacht haben. Allein schon beim Gedanken daran, schüttelt es mich.
Aber zurück zu Alex. So langsam hat er sich wieder beruhigt. Auch seine Haare befinden sich jetzt wieder an ihrem gewohnten Platz. Er bestellt sich ein Glas Cola und fängt an zu reden. Was jetzt auf mich einstürzt ist ein Wasserfall von Worten. Ich habe keine Chance ihn zu unterbrechen. Er erzählt mir seine gesamte Lebensgeschichte – von seiner neurotischen Familie, seinem gehbehinderten Hund, seinen spießigen Freunden und seinem gescheiterten Versuch ein erfolgreicher Rapper zu werden. Ich habe das Gefühl, ich würde von seinen Worten begraben werden und drohe zu ersticken. Verzweifelt versuche ich mich zu befreien. Dann ist es plötzlich still. Ich höre gar keine Worte mehr, die aus seinem Mund wie mit einer Steinschleuder katapultiert werden. Vielleicht muss er nur Luft holen? Und dann höre ich ihn fragen: “Und bei dir so?” Gerade will ich, wenn auch etwas beleidigt von dieser dämlichen Frage, anfangen über mich zu berichten, als sein Telefon klingelt. Ich glaube es ja wohl nicht! Er geht ran und guckt erschrocken. Er müsse weg, seine Mutter hätte die Bratpfanne entflammt und beim Versuch mit der Pfanne aus dem Haus zu stürmen, den Teppich ebenfalls in Brand gesteckt, als das brennende Öl aus der Pfanne tropfte. Er entschuldigt sich tausend Mal und ist weg.
Ich bleibe zurück. Mit weit offen stehendem Mund und sehr ungläubig guckend. Ich frage mich, wo die Kamera versteckt ist. Ich überlege, ob ich so schlimm bin, dass man mir eine derartige Geschichte auftischen muss, um von mir wegzukommen oder ob ich gerade einfach den seltsamsten, verwirrtesten und redefreudigsten Typen getroffen habe.
Das war es dann wohl mit Alex. Kapitel abgehakt.