Ich stehe in meinem Zimmer und kann meinen Augen kaum glauben. Laura kam gerade herein spaziert um mir selbstbewusst ihr Outfit für den heutigen Abend zu zeigen. Also entweder war sie das letzte Mal in den 90er Jahren aus, oder sie hat soeben ihren Verstand verloren. Ich versuche einfach mal die Abgründe zu beschreiben, die sich mir da auftaten.
Sie trägt kniehohe Stiefel zu einer lila Strumpfhose. Ein kleines Röckchen reicht mit Mühe und Not über ihren Allerwertesten. Es folgt ein Neon-gelbes T-Shirt mit einem Aufdruck, den ich nicht zu verstehen weiß. Ergänzt wird ihr Outfit durch Accessoires wie den seltsam aussehensten Ohrringen (Kreolen, besetzt mit bunten Schmetterlingen) und einer Kette, die leider fast genau so aussieht wie ihre Ohrringe. Ich bin entsetzt, was man mir anscheinend ansieht. Laura guckt mich betreten an. Sie erahnt, was ich denke.
“Laura, also Geschmäcker sind ja nun einmal verschieden und ich möchte dein Outfit auch in keinster Weise kritisieren, aber ich fürchte, dass damit kein Mann anbeißen wird.” Ich versuche sie mit vernünftiger Argumentation zu überzeugen. “Ach schade”, sagt sie. Dabei wollte ich endlich mal etwas Neues probieren. Ein bisschen auffallen, nicht mehr nur die graue Maus sein. Ich dachte mir, dass ich damit bestimmt auch viel interessantere Männer anspreche.” “Süße”, sage ich verzweifelt, “mit dem Outfit kannst du dich gleich an die Oranienburger stellen!”
Wir gehen also in ihr Zimmer und fangen noch einmal von vorne an. Laura möchte schließlich doch gern einen Mann kennen lernen, der für eine Beziehung taugt, auch wenn sie gern auf Männerverschlingenden Vamp macht. Ein Mann sollte gleich die richtige Laura kennen lernen und nicht ‘ne verkleidete Uschi im Look der 90er. Denn wenn er tatsächlich auf so etwas steht (Gott behüte, dass es solche Männer gibt!) wird er enttäuscht sein, wenn er plötzlich die strebsame Laura in Jeans und Wollpulli sieht.
Eine halbe Stunde später sieht Laura wieder wie Laura aus – nur mit dezentem Make-Up und einem Oberteil für das die Männer sie auf Händen tragen werden. Und ich, ja ich bin auch noch die Alte. Nur dass meine Füße jetzt in den schönsten Schuhen stecken, die ich je gesehen habe. (Ich sah sie gestern im Schaufenster und bin einfach nicht dran vorbei gekommen. Ich habe den Kauf damit gerechtfertigt, dass ich immer noch unter den Folgen meiner letzten Beziehung leide. Ich kann sie besser verarbeiten, wenn ich etwas Selbstbestätigung erhalte. -> Das erhält man, wenn man selbstbewusst erscheint -> Und mit neuen, wunderschönen Schuhen fühle ich mich nun einmal viel selbstbewusster)
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